Archiv: Taiwan im Schnellwaschgang
Giant-Händlerreise im Februar 2006
Gut 10 Stunden Flugzeit
auf dem ersten Teilstück nach Bangkok, dann Umsteigen in Hongkong. Bei der Ankunft in
Taipeh sind es mittlerweile 24 Stunden, seit ich Naumburg verlassen habe. Kann mir nicht
vorstellen, dass es Vielfliegern groß anders geht: das Ganze ist eine Folter.
Am Flughafen wartet ein Bus auf unsere 32 köpfige Reisegruppe, um
uns in weiteren zwei Stunden nach Taichung, dem industriellen Mittelpunkt der Insel zu
bringen. An Bord läuft ohne Ton (Gott sei Dank) auf drei Bildschirmen eine Raubkopie des
Kinofilmes Syriana mit George Clooney in der Hauptrolle. In Deutschland bereitet die
Presse währenddessen die Öffentlichkeit auf den Kinostart eine Woche nach meiner Rückkehr
vor.
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Es
ist abends, im Halbdunkel rauschen die ersten Eindrücke an mir vorbei. Alles etwas
unwirtlich. Auf der Gegenfahrbahn ein Kilometer langer Stau, halbfertige Autobahnkreuze
und ein zweistöckiges Häusermeer zwischen Blechhütten und Betonstäbchenbauweise, wie ich
es aus den Mittelmeerländern kenne.
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Überhaupt erinnert mich vieles an die Poebene in
Italien oder an die grauen Vorstädte Mailands. Nur dass die Vorzeigehochhäuser fehlen.
Die besichtigen wir am letzten Tag erst in Taipeh.
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Der
erste Eindruck korrigiert sich am nächsten Morgen, als wir wieder einen Bus besteigen nur
wenig. Zu der hässlichen Architektur kommen Palmen, die so staubbehangen sind, dass sie
farblos wirken. Der Himmel ist smoggrau - das kann ja heiter werden.
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Die
Reiseleiterin Jenny, die ein bezauberndes holpriges Deutsch spricht - Guten Morgen meine
lieben Gäste - erzählt mir, dass Taiwan sehr unter der Wasserknappheit leidet und
begründet das mit der Klimakatastrophe. Wir kreuzen mehrmals Flüsse, deren Bett so breit
wie das des Rheins ist - aber es fehlt jegliches Wasser und die ersten Hütten sind schon
auf dem Kiesuntergrund entstanden.
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Noch am Frankfurter Flughafen hatte ich gelesen, dass
Taiwan in den nächsten Jahren den Tourismus fördern will. Es mag sicherlich schöne
Gegenden auf der Insel geben, in der hügeligen Bergregion am Horizont vermag ich sie zu
vermuten. Aber bis dahin sind es noch einige Kilometer.
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Der
Grund meiner Reise ist eine Einladung meiner Lieblings-Fahrradfirma Giant - zusammen mit
mehr als 20 Kollegen hat man uns aus Dank für die jahrelange Zusammenarbeit ins
Headquarter in der Umgegend von Taichung eingeladen, auch um uns die neue Carbon Rahmen
Produktion zu zeigen.
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Die
Begrüßung ist sehr herzlich, fast etwas hemdsärmlig. "Herzlich willkommen Sie" steht auf
dem Spruchband im Entree des Firmensitzes. Gespannt sind wir auf die Besichtigung des
Werkes, wo wir nicht nur der Entstehung von Giant Rädern, sondern auch der von Specialized
und S-Works aber auch Rennrädern der Nobelmarke Colnago zuschauen.
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Doktor Weng, das
geniale Hirn hinter der Monocoque Compositefertigung zeigt uns das gerade eröffnete
Carbonwerk, wo in diesem Jahr 15000 Rahmen gefertigt werden. Völlig anders als in
Deutschland, wo auf das Umfeld sehr viel Wert gelegt wird, ist das in China ziemlich
nebensächlich. Das neue Werk befindet sich in einer alten unauffälligen Halle.
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Das
ist überhaupt der stärkste Eindruck, den ich in den 3 Tagen auf Taiwan gewinne. Während
z. B. ein Unternehmensberater in Deutschland genauestens beachten muss, dass er beim
Kunden nicht mit einem zu großen, aber schon möglichst neuen Mercedes vorfahrt, beobachte
ich aus der Hotellobby heraus zwei deutsche Geschäftsleute, die vom Geschäftspartner
abgeholt werden. Zuerst eine junge Frau, die die beiden anspricht und zum Wagen führt.
Ein älterer Mittelklassewagen. Der Fahrer grüßt ebenfalls und als der eine Deutsche mit
seinem Koffer den Gepäckraum ansteuert, wird er mit dem schönsten Lächeln der Welt samt
Koffer auf den Hintersitz bugsiert. Ich bin mir sicher, der Kofferraum war pickepacke
voll - vielleicht mit dem Wocheneinkauf - egal, das wird alles nicht so eng gesehen.
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Auch
unsere Gastgeber bei Giant sehen vieles nicht so eng. Die Füße der Tische, auf dem das
Mittagsbuffett steht, zeigen noch Reste der Plastikverpackung, auf dem Weg in den Showroom
müssen wir an einem unordentlichen Lager vorbei. Und auch wenn bei den Vorträgen mal etwas
schief geht, alles wird mit einem Lächeln unter den nicht vorhandenen Teppich gekehrt.
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Nun
sind wir aus Taiwan, das auf dem Weg zu einem Hochlohnland ist, innovative Produkte
gewöhnt. Aber die Produktionsbedingungen sind alles andere als innovativ. Man kann das
alles kritisieren, vor allem die umweltpolitische Situation. Aber das ist sicherlich nicht
mein Job, schon gar nicht nach diesen oberflächlichen Eindrücken in drei Tagen.
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Ein
Kollegenpaar aus Halle, das vor über zehn Jahren schonmal bei einer Händlerreise dabei
waren, erzählt, dass damals die Strassen von Motorrollern verstopft waren. Die sieht man
heute auch noch zuhauf, vor allem in Taipeh. Aber viele Taiwanesen konnten mittlerweile
auf das Auto umsteigen, was die Verkehrsdichte natürlich zusätzlich gesteigert hat. Zu den
vergleichsweise höheren Arbeitszeiten kommen dann noch die langen Wege.
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Aber
alle sind äußerst freundlich, schnell in den Bewegungsabläufen aber nicht gestresst. Und
abends in der Innenstadt von Taichung genauso wie zwei Tage später in Taipeh staunen wir
nicht schlecht. Alles ist auf den Beinen, Volksfeststimmung auf allen Plätzen. Das wünschte
ich mir in unserer kleinen Stadt Naumburg, wo abends die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Im Reich der Mitte finden wir unsere Mitte, ist ein Gedanke in den Tagen.
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Das
ist vielleicht der Punkt: Die Deutschen treiben viel zu viel Aufwand um ihre Arbeit herum.
Regeln, Vorschriften aber auch ritualisierte Handlungen, die uns die Konzentration fürs
Wesentliche nehmen. Und das haben uns die Asiaten anscheinend voraus. Aufgrund ihrer
Tradition und den eher kontemplativen Religionen, in den dieses "sich vertiefen" wichtiger
Bestandteil ist, sind sie weniger abgelenkt durch Äußerlichkeiten. Und müssen sie sich im
internationalen Austausch mit diesen schmücken, wissen sie auch, wo diese kopiert werden
können.
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Ralph Steinmeyer
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